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Mitgerissen von der Romantik des Mississippi

Mississippi, Louisiana

Mitgerissen von der Romantik des Mississippi

Nach: Mary Moore Mason

Peter Guthrie/Flickr
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    Mississippi
    Louisiana

Seit ich als Teenager das Musical „Show Boat“ im Kino gesehen hatte, wollte ich schon immer auf einem Schaufelraddampfer den Mississippi entlangfahren.

Hier stehe ich nun am Kai in New Orleans, Louisiana, und warte darauf, an Bord der American Queen zu gehen. Mit den kunstvoll gearbeiteten Balkonen, dem scharlachroten Schaufelrad und den gewaltigen schwarzen Schornsteinen macht die Queen ihrem Namen alle Ehre – ein wahrhaft majestätischer Anblick. Während wir den fröhlichen Tönen der Dampforgel und den klatschenden Schaufelradgeräuschen lauschen, lassen wir den Hafen hinter uns und ich begebe mich zum Navigationsraum, wo der „Riverlorian“ Jerry Hay einige interessante Fakten für uns parat hat. Der Name des Flusses leitet sich vom Ureinwohnerbegriff Missis-Sepi (großer Fluss) ab. Und groß ist er in der Tat! Er erstreckt sich über mehr als 3.700 km von seinem Ursprung im Itasca State Park im US-Bundesstaat Minnesota bis an den Golf von Mexiko. Als erster Europäer erblickte wohl Hernando de Soto den Fluss im Jahr 1541. 130 Jahre später beanspruchte Robert Cavelier de La Salle den Fluss für Frankreich. Den USA wurde der Fluss 1803 zugesprochen, als Napoleon Louisiana an den amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson verkaufte.

Ein von Plantagen und wohlhabenden Städten gesäumtes Flussufer

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befanden sich millionenschwere Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen und florierende Hafenstädte an den Ufern des Flusses. Er galt als wichtiger Handelsweg und wurde von Dampfschiffen, Lastkähnen, Kielbooten und anderen Schiffen befahren. Zu deren Besatzung zählte auch ein Lotse namens Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt als Mark Twain. Mit seinen Romanen Leben auf dem Mississippi, Die Abenteuer des Huckleberry Finn und Die Abenteuer des Tom Sawyer machte er das bunte Treiben auf dem Fluss weltweit bekannt.

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–65) markierte nicht nur das Ende des Südstaatenbundes und der zahlreichen Plantagen, er führte auch zu einem erheblichen Bevölkerungsrückgang in den Flussstädten, vor allem in Vicksburg, Mississippi, das etwa 480 km flussaufwärts liegt und unser letztes Reiseziel ist. 

Im Jahr 1833 gab es noch über 1.200 Dampfschiffe auf dem Fluss, doch heute sind von ihnen nur sehr wenige übrig. Längere Strecken auf dem Mississippi und seinen Nebenflüssen Ohio und Tennessee werden lediglich vom letzten Dampfschiff seiner Art, der American Queen, zurückgelegt. Das 436 Passagieren Platz bietende Schiff lief 1995 als größtes jemals gebautes Dampfschiff vom Stapel und wird seit der letzten Generalüberholung im Jahr 2012 erneut eingesetzt. Auf seinen Fahrten läuft es neben einigen kleineren Gemeinden und Plantagen auch Städte wie Memphis (seinen Heimathafen) sowie Chattanooga, Tennessee; St. Louis, Missouri; St. Paul, Minnesota; Cincinnati, Ohio und Pittsburgh, Pennsylvania an. 

 

Die American Queen hält an vielen bekannten Plantagen am Mississippi wie der Oak Alley Plantation in Louisiana, wo Darsteller den Besuchern demonstrieren, wie man im 19. Jahrhundert dort gelebt hat.

Die American Queen hält an vielen bekannten Plantagen am Mississippi wie der Oak Alley Plantation in Louisiana, wo Darsteller den Besuchern demonstrieren, wie man im 19. Jahrhundert dort gelebt hat.
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Mary Moore Mason/USA pur

Besuch einer filmreifen Plantage

Am nächsten Tag erreichen wir unser erstes Ziel, die Oak Alley Plantation in Vacherie, Louisiana. Eine Allee aus 300 Jahre alten moosbewachsenen spanischen Eichen säumt den Weg zu einem majestätischen Anwesen im griechischen Stil mit 28 dorischen Säulen. Das Ganze wirkt, als sei es einem Hollywood-Film entsprungen. Hier wurden tatsächlich einige Filme gedreht, darunter Interview mit einem Vampir mit Brad Pitt und Tom Cruise und Wiegenlied für eine Leiche mit Bette Davis. Auch das Video für Beyoncés Single Déjà Vue ist hier entstanden. 

Nach einem Spaziergang auf der Allee fahren wir mit dem Minibus weiter zur faszinierenden Laura Plantation. Das Haupthaus wurde im kreolischen Stil über einem Keller aus Backsteinen errichtet und verfügt über herrschaftliche französische Türen, die über eine Veranda den Weg in die Wohnbereiche freigeben. Hier erhalten wir einen umfassenden Einblick in das Leben vor dem Bürgerkrieg. Unter anderem finden wir heraus, dass die hier so berühmten Erzählungen von Uncle Remus, die meistens dem Autor Joel Chandler Harris aus Georgia zugeschrieben werden, ihren eigentlichen Ursprung in westafrikanischen Volkssagen haben.

Das hellgelbe Haupthaus der Laura Plantation wurde im kreolischen Stil errichtet und gestattet faszinierende Einblicke in die reiche Geschichte der Südstaaten.

Das hellgelbe Haupthaus der Laura Plantation wurde im kreolischen Stil errichtet und gestattet faszinierende Einblicke in die reiche Geschichte der Südstaaten.
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Mary Moore Mason/USA pur

Natchez ist vor allem im Frühjahr und Herbst einen Besuch wert

Am nächsten Tag gehen wir in Natchez, Mississippi, an Land. Die Stadt hat zwar nur 20.000 Einwohner, ist aber dennoch einer der bekanntesten Orte in Flussnähe. Vor allem die wunderschönen Herrenhäuser aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg locken im Frühjahr und Herbst Besucherströme an. Wir werden von Südstaatenschönheiten in verzierten Reifröcken empfangen und besuchen Rosalie Mansion, eine Villa, die während des Amerikanischen Bürgerkriegs als Hauptsitz der Unionsarmee diente. Außerdem besichtigen wir Magnolia Hall, einst Wohnsitz wohlhabender Baumwollhändler, und das elegante Stanton Hall mit seinen riesigen Ländereien.

Natchez überstand den Bürgerkrieg glücklicherweise fast unbeschadet – Vicksburg, unser nächster Halt, hatte da weniger Glück. Während einer traumatischen, 47-tägigen Belagerung mussten sich die Bewohner von Nagetieren ernähren und in Höhlen Zuflucht suchen. Die Schlacht auf den umliegenden Feldern forderte 37. Opfer und gilt als Wendepunkt des Kriegsverlaufes.

Ich entschließe mich, das Schlachtfeld beiseite zu lassen, und erkunde die Stadt. Los geht’s beim Old Courthouse Museum, das mit Ausstellungsstücken zum Old South vollgestopft ist. Danach mache ich einen Abstecher in die Church of the Holy Trinity mit ihren sechs Buntglasfenstern, die zu Ehren der Opfer des Amerikanischen Bürgerkriegs gestaltet wurden. Außerdem schaute ich im Biedenharn Coca-Cola Museum vorbei. Es befindet sich in einem ehemaligen Süßwarenladen, dessen Besitzer das berühmte Getränk als Erster in Flaschen abfüllte.

Die schöne Stanton Hall in Natchez, Mississippi, wurde 1857 vom irischen Baumwollhändler Frederick Stanton errichtet.

Die schöne Stanton Hall in Natchez, Mississippi, wurde 1857 vom irischen Baumwollhändler Frederick Stanton errichtet.
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Mary Moore Mason/USA pur

Baton Rouge und das Bayou-Vermächtnis von Huey Long

Auf der Rückfahrt machen wir in Louisianas Hauptstadt Baton Rouge Halt. Nach einem köstlichen Mittagessen mit typischer musikalischer Untermalung und der ein oder anderen Tanzeinlage in den etwas zu touristischen Boudins besuchen wir das Louisiana State Capitol. Hier wurde 1935 der beliebte und auch kontroverse Governor Huey Long ermordet – genug Stoff für einen Roman und mehrere Filme. Danach steht das Louisiana State University Rural Life Museum auf dem Programm, das aus zahlreichen traditionellen, bäuerlichen Gebäuden und einem großen Komplex mit Ausstellungsstücken aus der Landwirtschaft und anderen Bereichen besteht.

An unserem letzten Tag wollen wir eigentlich das Houmas House, „das Schmuckstück der River Road von Louisiana“, besuchen, aber das Ansteigen des Flusspegels machte der American Queen ein Anlegen am Pier der Plantage unmöglich. Früher als geplant begeben wir uns auf den Rückweg nach New Orleans. Ein paar Passagiere brechen am nächsten Tag per Bus zur Plantage oder zu einer Bayou-Fahrt im Sumpfboot auf. Ich für meinen Teil ziehe es vor, das hinreißende, alte New Orleans zu erkunden, worüber an anderer Stelle noch zu berichten ist ...

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Frühlingsausgabe 2014 der Zeitschrift „Essentially America“.