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Der offizielle Startpunkt der Route 66 vor dem Art Institute of Chicago in Chicago, Illinois
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    Illinois

Route 66: Aufbruch von Chicago

Dieser Artikel von Andrew Evans wurde ursprünglich im Reise-Blog Digital Nomad von National Geographic veröffentlicht.

Ich wollte ein Cabrio – einen roten Oldtimer mit funkelndem Chrom und weißen Ledersitzen. Aber das hatten sie beim Autoverleih Enterprise am O’Hare [International Airport] nicht.

„Wie wäre es mit ‘nem Impala?“, fragte mich der Typ. Aber der Wagen war weiß und weiße Mietwagen lehne ich aus Prinzip ab, weil sie schon nach einem Tag auf der Straße eine verheerende Ähnlichkeit mit schmutziger Unterwäsche haben.

Schmollend stapfte ich über den Parkplatz. Wenn ich schon nicht in einem coolen Oldtimer über die Route 66 cruisen konnte, wollte ich wenigstens einen amerikanischen Wagen haben. Ich ließ die BMWs links liegen und beäugte dann begehrlich die mitternachtsschwarzen Mustangs („Upgrade ausgeschlossen“).

Vielleicht ein Camaro?

Letztendlich verließ ich den Flughafen in einem pechschwarzen Chevy Malibu, der den Zuschlag erhielt, weil er viel Beinfreiheit bietet und ich meinen iPod anschließen konnte. Mal ehrlich: Würdet ihr lieber einen Monat lang in einem auf Hochglanz polierten Oldtimer mit rauschendem AM-Radioempfang durchs Land fahren oder in einem praktischen Fahrzeug mit Sirius XM?

Ich sehe förmlich vor meinem geistigen Auge, wie sich Tausende Aficionados beim Lesen an die Stirn schlagen. Ich muss aber dazusagen, dass ich lächerlich wenig von Autos verstehe und bei der Wahl allein nach dem Namen gegangen bin – Malibu. Schließlich wollte ich auf der Route 66 nach Kalifornien fahren, dafür schien mir der Wagen optimal geeignet. (Das ist KEINE offizielle Empfehlung – dazu sprechen wir uns nach Abschluss meiner 3.862 km langen Testfahrt wieder.)

Im Straßengewirr von Chicago kam ich mir vor wie eine Maus, die hilflos auf einem Zweig durch Stromschnellen treibt. Ich konnte mich nur am Steuer festklammern und hoffen, möglichst unversehrt durch die einheimischen Fahrer aus Illinois zu lavieren, für die Blinken ganz offensichtlich nur was für Loser ist. Wie eine gewaltige Rippströmung zog mich der Freeway in die Stadt hinein und spuckte mich dann wieder aus ... weit entfernt von meinem eigentlichen Ziel, dem Startpunkt der Route 66.

Stattdessen fand ich mich am North Avenue Beach wieder – hinter mir der Hexenkessel Chicago, vor meinen Augen das besänftigende endlose Blau des Lake Michigan.

Einem ukrainischen Aberglauben zufolge soll man sich vor dem Aufbruch zu einer längeren Reise noch einmal hinsetzen und in sich gehen. Eigentlich ist das ja nur gesunder Menschenverstand, aber ich habe mir diese Tradition vor jeder größeren Reise selbst zu eigen gemacht.

Und so saß ich also in Chicago am Strand und blickte auf den See. Das Blau des Lake Michigan ist einzigartig. Es erinnert an den Türkisschmuck der Navajos, an norwegische Gletscher und an das Kool-Aid-Pulver, das man immer im Regal stehen lässt. Es beruhigt die Nerven, wofür ich nach meiner haarsträubenden Fahrt vom Flughafen mehr als dankbar war. Über mir zogen kleine Schäfchenwolken vorbei und ließen das Königsblau des Himmels noch intensiver leuchten. Ein einsamer Angler zupfte an seiner Leine.

Ich zog meine Schuhe aus und steckte die Zehen in den hautfarbenen Sand. Die Wellen, die meine Knöchel umspülten, waren eiskalt, sodass ich scharf die Luft einzog. Dann füllte ich das saubere klare Wasser aus dem Lake Michigan in eine Flasche ab und schraubte den Verschluss zu. Ich habe mir vorgenommen, dieses Wasser zum Pazifik mitzunehmen und ihm so die weite Reise über den Mississippi, den Golf und durch den Panamakanal zu ersparen.

Die Route 66 beginnt an der Kreuzung Adams Street und Michigan Avenue. Streng genommen beginnt und endet sie an der Kreuzung Jackson Boulevard und Lake Shore Drive, aber aufgrund der Einbahnstraßenregelung führt diese Straße geradewegs in den Lake Michigan.

Instinktiv richtete ich mich auf und umfasste das Steuer mit beiden Händen. Entschlossen trat ich aufs Gaspedal. Ich kam einen halben Block weit, dann stand ich im Stau.

Der erste Kilometer auf Amerikas Mother Road – über den Fluss und weiter Richtung Westen – hat wenig Ähnlichkeit mit dem sorglosen Roadtrip und dem Duft von Freiheit, den man aus Filmen kennt. Stattdessen arbeitete ich mich im Stop-and-Go-Verfahren durch den Verkehr von Chicago. An meinem Fenster zogen namenlose Bars, polnisch-katholische Kirchen mit ihren geheimnisvollen Türmchen und Krankenhäuser in klotzigen Ziegelbauten vorbei, immer wieder unterbrochen von Ampeln. Eine Stunde lang sah ich zu, wie sich die Stadt vor meinen Augen auflöste, immer tiefer in Richtung Boden sank und dann zu leer stehenden Lagerhäusern, unbebauten Grundstücken und kahler brauner Erde mutierte.

Endlich ließ ich die Stadt hinter mir und bog rechts ab, dann wieder links – die Schilder mit ihren weißen Pfeilen stets fest im Blick und wild entschlossen, die echte Route 66 nicht zu verlassen.

Leicht ist es nicht. Zu viel hat sich seit damals verändert und weiterentwickelt. Dem Originalverlauf der Route 66 zu folgen ist so, als würde man im Zeitalter von MP3s und Spotify darauf bestehen, einen Walkman zu tragen: Es ist (weitgehend) möglich, aber man muss auch stark genug sein, der Einladung zu trotzen, schneller und effizienter voranzukommen. An jeder Kreuzung fragten mich die Schilder, ob ich wirklich so langsam und umständlich fahren wollte. Überall wiesen mich Pfeile und Großbuchstaben darauf hin, dass ich über die parallel verlaufenden Highways doppelt so schnell vorankäme.

Doch ich blieb stark.

Ich bin ein überzeugter Anhänger des langsamen Reisens – ich könnte mich stundenlang über das Thema auslassen. Aber selbst ich war es irgendwann müde, mit 51 km/h durch unbepflanzte Felder zu zuckeln. Wie Perlen an einer Kette reihten sich die nostalgischen kleinen Ortschaften hintereinander auf: Joliet, Wilmington, Braidwood. Durch das Seitenfenster erhaschte ich flüchtige Blicke auf eine vergangene Zeit: altmodische Zapfsäulen, auf Hochglanz polierte Studebaker und Chevys Baujahr 1957, Dinosaurier auf Hausdächern, pink leuchtende Neonschilder und genügend nachgemachte Route 66-Schilder, um die Route 66 damit neu zu pflastern. Der Gesamteffekt war halb charmant, halb kitschig.

Eine Frau am Straßenrand animierte mich dazu, anzuhalten und etwas zu essen. Es war keine Geringere als Marilyn Monroe ... aus Zement und mit rot angemalten Lippen. Im Polk-A-Dot Drive-In alberte das Crosslauf-Team der örtlichen High School herum und verschlang nebenbei Berge an matschigen Chili Cheese Fries, während die jüngeren Kinder mit den Mini-Jukeboxes auf den Tischen spielten. Ein kleines blondes Mädchen warf ein paar Münzen ein und drückte so lange auf die Tasten, bis die Everly Brothers anfingen, ihr „Dreeeeeam – Dream, Dream, Dream!“ zu jauchzen.

Während draußen die Gäste kamen und gingen, wurde es langsam dunkel. Bald erstrahlte auch die pinke Neonbeleuchtung, die vorbeifahrenden Autos „Shakes, Hamburger, Hotdogs“ versprach.

Ich fuhr nach Süden, vorbei an weiteren leeren Feldern – ein einsames Auto auf einer verlassenen Nebenstraße, während wenige Hundert Meter rechts von mir ein Dutzend Fahrzeuge pro Sekunde in der Gegenrichtung über den Highway 55 brausten.

Zwischen dem Highway 55 und einer neueren Nebenstraße mit der Bezeichnung „US 66“ finden sich in Illinois noch Originalabschnitte der ursprünglichen Route 66. Dann sah ich es, gleich rechts von mir: das moosbewachsene Skelett der Route 66 – fein säuberlich nebeneinander verlegte Platten, eingerahmt von Gras und Unkraut. Selbst Beton hält dem Zahn der Zeit nicht stand und diese Streckenabschnitte hier waren der traurige Rest der ursprünglichen Straße, der ich folgen wollte.

Ich ließ das Auto stehen und lief im schwindenden Licht der Dämmerung hinüber zu den Überbleibseln der gepflasterten Straße, die zurück in Richtung der Ortschaft zeigte, aus der ich gekommen war.

Die von Unkraut überwucherten und zerbröckelten Steine erinnerten mich an die alten Römerstraßen, die ich am Mittelmeer gesehen hatte und die sogar in etwa genauso breit waren. Der große Unterschied ist natürlich, dass die Pflasterstraßen in Frankreich und Italien vor etwa 2.000 Jahren erbaut wurden, während diese Überreste der Route 66 gerade einmal ca. 50 Jahre alt sind.

Trotzdem kam ich mir vor, als wäre ich mitten in Illinois über ein archäologisch bedeutsames Relikt gestolpert: die amerikanische Via Appia – errichtet auf dem Weg gen Westen und auf dem Aufstieg zu einem Imperium und dann zerfallen zu Schotter und Löwenzahn.

Nach meinem ersten Tag auf der Route 66 fühle ich mich wie auf einer Reise in die Vergangenheit. Unter dem Staub und Schmutz von Jahrzehnten stoße ich auf die steinernen Schätze eines vergessenen Landes – meiner Heimat. Ich sitze vielleicht nicht in einem roten Cabrio oder einem schicken Camaro, aber ich befinde mich auf der Straße, der all diese Autos ihren Kultcharakter verdanken. Und ich merke, wie ich eine Gänsehaut bekomme.

Weit hinter dem grauen Gras und dem fern rauschenden Highway bäumte sich die Abendsonne noch ein letztes Mal auf und verwandelte den Himmel in eine Sinfonie in Pink. Während ich der untergehenden Sonne entgegenfuhr, suchten meine Augen die Dunkelheit nach der kaum erkennbaren Spur im Gras ab – der alten Route 66, die immer wieder auftauchte und verschwand und deren Lockruf ich nun in die nächste Kleinstadt auf der Karte folgte.